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Gefälschte Bürgschaften, Kinowelt-Deals, Fan-Blutspenden, Pokerabende und ein verpasster Europapokal: sechs Episoden, in denen Union zwischen Geldnot, Pleitegefahr und politischem Pech taumelt.
Union und das Geld: Dauerkrise seit der Wiedervereinigung
Seit 1990 begleitet Union eine Kette von Finanznöten — bis hin zur Rettung durch Kinowelt-Millionen und Fan-Blutspenden.
Union Berlin und das Geld! Seit der deutschen Wiedervereinigung kämpft Union Berlin immer wieder mit finanziellen Problemen. Einmal kostet eine Mauschelei sogar den Aufstieg und irgendwann müssen Millionen aus der ,,Kinowelt“ her, um den Verein zu retten. Auf die treuen Fans können sich ,,die Eisernen“ jedoch auch in schlimmsten Krisenzeiten immer verlassen. Bis aufs Blut…
Kölmels Kinowelt-Millionen sanieren Union 1998
Im Januar 1998 macht Karlsruher Medienunternehmer Michael Kölmel Union schuldenfrei — gegen Abtretung der TV-Rechte.
Der Mann mit dem Geldkoffer: Union bekommt im Januar 1998 einen prominenten Unterstützer. Der Karlsruher Medienunternehmer Dr. Michael Kölmel (,,Kinowelt“) hat es sich zur Aufgabe gemacht, finanziell leck geschlagenen Traditionsklubs zu helfen.
Großzügig oder geschäftstüchtig? Das bleibt dem Betrachter überlassen. Insgesamt 65 Mio.
Euro investiert er in verschiedene Fußballklubs, Union ist sein erster Patient. Als er mit Union-Präsident Heiner Bertram die Sanierung verkündet, hat der Berliner Klubchef Tränen in den Augen. Union wird dank Kölmel (,,Man muss bei der Sache einen langen Atem haben“) schuldenfrei, tritt seine TV-Rechte an Kölmel ab und leitet den Image-Wandel ein.
Doch ist genau das passiert, was Nina Hagen in der Vereinshymne (,,Eisern Union“) bestreitet? ,,Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen? – Eisern Union!“ Oder doch…?
„Bluten für Union“: Fan-Blutspenden retten 2004 die Lizenz
Mai/Juni 2004 spenden Union-Fans Blut, um einen Teil der 1,46 Mio. Euro Rettungsgelder aufzubringen.
,,Bluten für Union“: Der Geldsegen des Dr. Kölmel versiegt zwischenzeitlich. Als der Verein 2005 in die Oberliga abstürzt, hat Kölmel seine Bewährungsstrafe wegen Insolvenzverschleppung schon erhalten… Union droht zum Ende der Saison 2003/04 schon wieder das Aus.
Mit der Blutspende-Aktion ,,Bluten für Union“ im Mai und Juni 2004 sammeln die Fans Geld und tragen mit dazu bei, dass die kurzfristig fälligen 1,46 Mio. Euro zur Rettung zusammenkommen. Den Rest steuern Vereinschef Zingler, Kölmel und andere Sponsoren bei.
Die Konsolidierung gelingt. Mit dem neuen Coach Christian Schreier gelingt der Wiederaufstieg in die Regionalliga.
Die gefälschte Bankbürgschaft 1993 kostet Union die Zweitliga-Lizenz
Sportlich ist Union 1993 für die 2. Bundesliga qualifiziert — doch eine gefälschte Bürgschaft beendet das Aufstiegsglück.
Die gefälschte Bankbürgschaft: Der größte Finanz-Krimi um die Köpenicker spielt sich 1993 in der Hauptstadt ab. Sportlich ist Union Berlin ,,endlich“ für die 2. Bundesliga qualifiziert – 1:0 im Relegationsspiel gegen den Bischofswerdär FV 08! Im Nachgang stellt sich heraus, dass die für die Lizenzierung notwendige Bank-Bürgschaft gefälscht ist. Am 2. Juli 1993 spricht der DFB die Zweitliga-Saison dem verhassten West-Berliner Rivalen Tennis Borussia Berlin zu.
Wie der Berliner Tagesspiegel später berichtet, soll ein Mitarbeiter von Unions Hauptsponsor dem TeBe-Macher und Schlagerproduzenten Jack White (alias Horst Nußbaum) diese Information gesteckt haben. Jack White (,,Heute haun‘ wir auf die Pauke“) nimmt diese Info dankend auf. Dennoch lässt sich bis heute nicht final klären, wer diese Interna an den DFB weitergegeben hat.
DER SPIEGEL sieht im Juli 1993 ,,ein Stück von Mielke“, eine Ost-Berliner Fußballposse, wie sie wahrscheinlich Stasi-Boss Erich Mielke nicht besser hätte inszenieren können: ,,Die Herren des Fußballvereins Union Berlin finden nur kurzfristig Trost und Halt in den 27 Versen, die ihnen ein „anonymer Volksdichter“ ans Schwarze Brett der Geschäftsstelle in Köpenick geschlagen hat. “ Wie auch immer: Am Ende der Saison 1993/94 wird Union Berlin erneut die Lizenz zur 2. Liga verweigert – an der ,,mangelnden Wirtschaftlichkeit“ hat sich nichts geändert. Ein Schuldenberg von 2,56 Mio. Euro lässt den DFB zurückschrecken.
Die wertvollsten Spieler wie der spätere Vize-Weltmeister Marko Rehmer und der Bosnier Sergej Barbarez müssen verkauft werden, um nicht noch tiefer in die roten Zahlen zu rutschen.
Patschinskis Pokerabend bei Dynamo: 2009 fristlose Kündigung
Nico „Patsche“ Patschinski, mit 10.000 Euro Monatsgehalt Top-Verdiener, kostet Union jahrelang Nerven — und endet 2009 mit Abfindung.
Tief in der Patsche – Der Skandalprofi: Kein anderer Spieler hat den 1. FC Union mehr genervt als Nico ,,Patsche“ Patschinski. Der gebürtige Ost-Berliner hat offenbar in seiner Zeit bei den ,,Eisernen“ ab 2006 und möglicherweise auch sonst eine eher eigenwillige Beziehung zum Geld. „Was ich mit meiner Kohle mache, ist mein Ding.
Ob ich mir damit den Arsch abwische, es verspiele oder verbrenne. Es ist ja nur Geld“, entgegnet er den Kritikern, die ihn spätestens seit 2007 als spielsüchtig ansehen. Patschinski, mit 10.000 Euro monatlich Spitzenverdiener an der Wuhlheide, wäre nicht Patschinski, wenn er diese Problematik nicht herunterspielen würde.“ Unions Sportdirektor Christian Beeck meint 2007, ich sei spielsüchtig und krank, brächte meine Leistung nicht.
Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt schon in allen Spielbanken sperren lassen, da ich zu viel verloren hatte, ich war damals nicht spielsüchtig und bin es auch heute nicht. Ich habe nur ein bisschen Karten gespielt und gewettet“, sagt er im März 2016 dem Berliner Kurier. Dass er an einem Benefiz-Pokerturnier des verhassten Ost-Berliner Rivalen BFC Dynamo teilnimmt, bringt ihm eine Abmahnung und 5.000 Euro Strafe.
Anti-Union-Parolen und eine wilde Party-Nacht mit Dynamo reichen den Verantwortlichen, um Patschinski fristlos und wegen „vereinsschädigenden Verhaltens“ zu kündigen. Als der Vertrag im Juli 2009 schließlich nach langem Hin- und Her aufgelöst wird und rund 130.000 Euro Abfindung fällig sind, atmet Unions Präsident Dirk Zingler auf: „Wir sind froh, dass dieses Kapitel beendet ist.“
Prager Frühling 1968: Union verpasst die Europapokal-Premiere
Nach dem DDR-Pokalsieg sollte 1968 der Europacup folgen — doch der politische Umbruch killt Unions Premiere.
,,Prager Frühling“ verhindert die Europa-Premiere: Irgendwie hat Union früher immer Pech. Dem legendären DDR-Pokalsieg soll 1968 endlich die Europapokal-Premiere folgen. Dann kommt die militärische Niederschlagung des ,,Prager Frühlings“ den ,,Schlosserjungs“, wie die Union-Spieler auch genannt werden, zuvor.
Die Europacup-Auslosung gegen den jugoslawischen Klub FC Bor wird annulliert und als die West-Klubs darauf drängen, neu auszulosen, liegt der Jaschin-Klub Dynamo Moskau für die Berliner in der Lostrommel. Jetzt aber haben die osteuropäischen Vereine keine Lust mehr und nehmen ihre Mannschaften aus dem Wettbewerb – auch die DDR zieht mit. ,,Das war natürlich eine Riesen-Enttäuschung“, erinnert sich Werner Schwenzfeier (1925 – 1995) später, ,,die 15.000 Eintrittskarten reichten bei Union drei Jahre lang als Schmierzettel.“
Auch in der Akte-Welt
Gleiches Kapitel · andere KlubsVom Zweitligisten zur Königsklasse — und das Stadion aus Fan-Hand
Zwei Belege für Unions Sonderweg: der sportliche Sprung aus Liga 2 bis in die Champions League und ein Stadion, das die eigenen Fans in 140.000 Arbeitsstunden selbst hochzogen.
Von Liga 2 in die Champions League — und fast in die Relegation
Vier Jahre vom Zweitligisten zur Champions League, dann null Punkte in der Königsklasse und Fast-Abstieg.
Von der 2. Bundesliga direkt in die Champions League in nur vier Jahren — das hat es im deutschen Fußball noch nie gegeben. Und dann: null Punkte in der Champions League und Fast-Abstieg. Die Fallhöhe ist enorm.
2.300 Fans bauen 2008/09 das Stadion An der Alten Försterei selbst
140.000 unbezahlte Arbeitsstunden machen Unions Stadionausbau zum Fan-Mythos.
Der Stadionausbau durch Fan-Eigenarbeit bleibt eines der bemerkenswertesten Kapitel der Vereinsgeschichte. 2008/09 bauten 2.300 freiwillige Helfer ihr eigenes Stadion — über 140.000 Arbeitsstunden, ohne Bezahlung.
FCU — Financial Stability Score
Union ist das krasseste Beispiel für Minsky in der Bundesliga: Ein Kult-Club hat sich in der CL-Euphorie 2023-24 übernommen. 55 Mio für einen CL-Kader ausgegeben, sportlich gescheitert (Abstiegskampf), und jetzt sitzt Union auf 79,3% Verbindlichkeiten bei 2,1% EK-Quote. Der Stadionausbau ist langfristig richtig, aber kurzfristig ein weiterer Bilanzbelaster.