Special Moments
Am 9. Juni 1968 ereignet sich im Kurt-Wabbel-Stadion von Halle eine der größten Sensationen des DDR-Fußballs. 13.000 Zuschauer sind Zeuge, als der frischgebackene Meister FC Carl Zeiss Jena eine Woche nach dem Saisonende im 17. FDGB-Pokalfinale als haushoher Favorit auf den Underdog aus Köpenick, den 1. FC Union Berlin trifft. Die Berliner sind in der Meisterschaft mit 14 Zählern Rückstand auf Jena auf Rang acht eingelaufen. Im Saisonverlauf bezwingt Jena die Unioner zu Hause mit 3:0. In Berlin gibt es eine Nulldiät.
Fast alles spricht für Jena, für die es bereits die dritte Finalteilnahme im FDGB-Pokal ist. Wenig spricht für die Unioner, die ihr erstes FDGB-Endspiel bestreiten. Der FC Carl Zeiss ist besonders motiviert, kann er doch als erste Mannschaft der DDR das Double holen und in einer Saison Meister und Pokalsieger werden. „Der Ehrgeiz unseres Partners, erstmalig das Double erreichen zu wollen, erleichtert unsere Aufgabe nicht“, wird Union-Trainer Werner Schwenzfeier in der „Neuen Fußballwoche“ zitiert.
Doch vielleicht nehmen die Thüringer das letzte Saisonspiel doch nicht sonderlich ernst. Schließlich reist die Mannschaft schon zwei Stunden nach dem Abpfiff direkt nach Kölpinsee auf die Ostsee-Insel Usedom weiter, wo die Familienangehörigen seit Tagen versammelt sind. Eine Verlängerung oder gar eine Niederlage ist nicht eingeplant.
Doch als Schiedsrichter Rudi Glöckner das Finale abpfeift, reißen die Spieler des Underdogs aus Köpenick die Arme hoch. Hochverdient bezwingen sie den Goliath aus Jena mit 2:1 (1:1). „Das Pokalfinale war leider unser schlechtestes Spiel in dieser Saison. Die Favoritenrolle haben wir nicht vertragen“, erklärt Zeiss-Trainer Georg Buschner. „Hinzu kam das Blitztor für uns nach 30 Sekunden. So kurios es klingen mag, es war Gift für unsere Mannschaft.“
Das 1:0 von Werner Krauß ist fast die einzige Szene, die für den Meister planmäßig verläuft. Union überrascht allein schon mit der Aufstellung des jungen Defensivspielers Reinhard Lauck, der 21 Tage zuvor am letzten Spieltag der DDR-Liga noch für Energie Cottbus bei Vorwärts Stralsund (1:1) kickt. Im Viertelfinale im Frühjahr 1968 ist Lauck sogar noch gegen Union im Einsatz. 1:1 heißt es in Cottbus. Das Wiederholungsspiel gewinnen die Eisernen mit 1:0. Lauck ist eigentlich ein Neuzugang für die Saison 1968/69. Dass er schon im Finale der vorhergehenden Spielzeit mitwirkt, gehört zu den Kuriositäten des DDR-Fußballs.
Im Endspiel macht der relativ schnelle Handelfmeter-Ausgleich durch Meinhard Uentz nach 29 Minuten dem Außenseiter Mut, der selbst im Falle einer Niederlage für den Europa-Pokal qualifiziert ist. „Von der spielerischen Leistung unserer Elf war der FC Carl Zeiss Jena sichtlich überrascht“, erzählt Union-Kapitän Ulrich Prüfke später der „Neuen Fußballwoche“. Sein Trainer Werner Schwenzfeier geht noch weiter: „Wir beherrschten den Meister schon vor der Pause mit den besseren spielerischen Mitteln, nach dem Wechsel blieben wir durch unsere typischen Konterschläge immer gefährlich.“
Ralf Quest gelingt nach 63 Minuten der Treffer zum 2:1. Hinten lässt Torhüter Rainer Ignaczak fortan keinen weiteren Gegentreffer mehr zu. Die mehr als 1.000 Union-Fans, die mit Autos und einem Sonderzug angereist sind, schwenken begeistert ihre Fahnen. Auch die Zeitungen würdigen die Sensation. „Krönender Abschluss einer erfolgreichen Saison“, lautet die Schlagzeile der „Berliner Zeitung“. „Kein Traum: Union ist Pokalsieger“, steht auf der Seite 1 der Beilage zum „Berliner Fußball“ der „Neuen Fußballwoche.“
Oberbürgermeister Herbert Fechner überreicht den Spielern einen Tag nach dem Finale im Roten Rathaus jeweils eine Plakette aus Meißner Porzellan mit der Abbildung des Roten Rathauses. „Wir trugen uns ins ‚Goldene‘ Buch der Stadt ein. Dann hat uns der Oberbürgermeister ans Fenster gebeten“, erinnert sich der damalige 2. Clubsekretär Günter Mielis. „Vor dem Roten Rathaus erwartete uns ein neuer Reisebus. In großen Lettern leuchtete uns der Schriftzug 1. FC Union Berlin entgegen.“



Im Europacup spielt Union dennoch nicht, obwohl den Köpenickern am 10. Juli 1968 in Genf für die 1. Runde des Pokalsieger-Wettbewerbes der jugoslawische Vertreter FK Bor zugelost wird. Die dunklen Wolken ziehen in der Nacht zum 21. August 1968 auf. Rund 500.000 Soldaten aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien rücken in die reformwillige CSSR ein. Der „Prager Frühling“ wird mit Waffengewalt beendet. Anfang September 1968 erreicht die politische Krise auch die UEFA.
Der AC Mailand, FC Zürich und Celtic Glasgow weigern sich, wegen des Einmarsches der Truppen des Warschauer Paktes in Prag gegen die ihnen zunächst zugelosten sozialistischen Vertreter Lewski Sofia, Dynamo Kiew und Ferencváros Budapest im Landesmeister-Cup anzutreten. Das Dringlichkeits-Komitee der UEFA sieht sich deshalb sowohl im Landesmeister- als auch im Pokalsieger-Wettbewerb zu einer Reihe von (satzungswidrigen) Neuauslosungen veranlasst.
In der ersten Runde sollen ost- und westeuropäische Vereine unter sich bleiben. Meister Jena behält sein Los Roter Stern Belgrad, Pokalsieger Union soll es nun mit Dynamo Moskau zu tun bekommen. Nun protestieren neben dem Deutschen Fußball Verband (DFV) der DDR auch die Fußball-Verbände der UdSSR, Ungarns, Polens, Bulgariens und Frankreichs gegen die Neuauslosung. Da die UEFA bei einer weiteren Abstimmung am 9. September 1968 bei ihren veränderten Ansetzungen bleibt, droht das Präsidium des DFV der DDR am 13. September 1968 in einem Telegramm mit dem Rückzug von Jena und Union. Da eine weitere Reaktion der UEFA ausbleibt, ist der Boykott der DDR-Vertreter perfekt. Auch die Vereine aus der Sowjetunion, Ungarn, Polen und Bulgarien treten nicht mit ihren Meistern und Pokalsiegern an.
Der Sieg gegen Jena bleibt trotz dieses wunden Punktes speziell. Die Bedeutung des Triumphes ist umso höher einzuschätzen, als es bis zum Jahr 2019 der einzige nationale Titel ist, den Union Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg gewinnt. In den Tagen vor dem DFB-Pokalfinale 2001 zwischen Schalke 04 und Union (2:0) sagt der damalige Union-Präsident Heiner Bertram, dass beim Blick in die Union-Vergangenheit das Jahr 1968 die „einzig positive Ausnahme“ sei.
Auch die jüngeren Fans, die die Sensation von Halle nur vom Hörensagen kennen, wissen die Leistungen „ihrer“ FDGB-Pokalsieger zu würdigen. 2008 hängen sie zum 40-jährigen Jubiläum des Erfolges im Bahntunnel neben der früheren Geschäftsstelle in der Hämmerlingstraße Plakate mit Fotos von allen Pokalsiegern auf. Sie sind jeweils mit der Bildunterschrift „Und niemals vergessen: Die Helden von 68“ versehen. Bei der Mitgliederversammlung 2016 im Berliner Velodrom werden die Pokalsieger zu Ehrenmitgliedern ernannt. 2018, im Jahr des 50-Jährigen Jubiläums des Triumphes, wird über Wochen an die Helden erinnert. Beim Heimspiel gegen den VfL Bochum (3:1) am 6. Mai 2018 gibt es eine Choreographie zu bestaunen, die über alle vier Heimbereiche reicht und riesige Porträts aller in der Pokalsaison eingesetzten Akteure zeigt. Am 9. Juni 2018, dem 50. Jahrestag, unternehmen die noch lebenden Pokalrecken mit weiteren verdienstvollen Spielern und Ehrenmitgliedern des Vereins eine Dampferfahrt auf der Spree.
Der Sieg gegen den haushohen Favoriten Jena ist bis heute ein prägender Moment für den Verein. Underdog schlägt Top-Team. Nutze Deine Chance, auch wenn Du eigentlich gar keine hast. Quäl Dich, du Sau! (Udo Bölts zu Jan Ullrich). Diese Sportsprüche – auch wenn sie nicht von Union stammen – passen und sind prägend für Gefühl und Einstellung des Vereins. Folgerichtig wird am am 1. Juli 2018 beim Testspiel von Union Berlin gegen den FC Carl Zeiss Jena (1:1) auf dem Platz vor der Haupttribüne im Stadion An der Alten Försterei ein Denkmal für die Pokalsieger eingeweiht, das den damaligen Kapitän Ulrich Prüfe und Siegtorschütze Ralph Quest mit der Siegertrophäe zeigt. Die Idee dazu kommt von den Fans der „Szene Köpenick“.
Auferstanden aus Ruinen und Unkaputtbar – das ist Union Berlin am Ende des Jahres 2019. Und der Sieg im FDGB-Pokal im Jahr 1968 ist bis heute ein „Very Special Moment“ des Vereins.