Kapitel 02

Good to Know

Was wenige wissen
6 Min. LesezeitAktualisiert: März 2026
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„Eisern Union“ gibt es schon ziemlich lange: Union Berlin genießt über die Fußballszene und die Stadtgrenzen Berlins hinaus Kultstatus. Wie kaum ein anderer Verein aus der ehemaligen DDR pflegt Union das Image eines ,,Arbeiterklubs“ – mit einer liebenswert-schrulligen Aura und etwas Ostalgie. Der Schlachtruf der Union Berlin Fans lautet ebenso wie der Titel der von Nina Hagen gesungenen Vereinshymne „Eisern Union“. Das ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist, dass der Schlachtruf bereits knapp 100 Jahre alt ist und aus den 1920-er oder 1930-er Jahren stammt. Viele Fans und Spieler des Mitvorgängervereins SC Union Oberschöneweide arbeiten nach dem Ersten Weltkrieg in Industriebetrieben im Berliner Ortsteil Oberschöneweide. Dies ist seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ein industrielles Ballungsgebiet aus bis zu 25 Großbetrieben und einer Vielzahl von kleinen Betrieben, Werkstätten und Labors – überwiegend aus der Elektroindustrie, der Metallindustrie und dem Maschinenbau. Das Kraftwerk Oberspree ist das erste außerhalb Berlins gelegene Großkraftwerk und das erste Drehstromkraftwerk im Deutschen Reich. Ein Vorreiter der heutigen Stromerzeugung, denn zum ersten Mal wird dort elektrische Energie in ein Versorgungsnetz eingespeist und weiterverteilt. Während des Ersten Weltkriegs wird Oberschöneweide ein wichtiges Zentrum der Rüstungsindustrie. Durch die hohe Anzahl von Arbeitern entwickelt sich der Stadtteil zu einem Zentrum der Arbeiterklasse. Die Arbeiten in den industriellen Großbetrieben sind in der Regel körperlich extrem schwer und anstrengend und verlangen einen eisernen Willen sowie Durchhaltevermögen zum Überleben. Da bietet sich ein martialisch-metallischer Schlachtruf, der das Industrieflair widerspiegelt, zur Unterstützung des lokalen Fußballvereins an. Zumal Union wohl auch schon zur damaligen Zeit einen besonders athletischen Fußballstil pflegt – das Gegenteil von Schalker Kreisel oder Wiener Schule. Urban legend has it, dass der „Schlachruf“ das erste Mal in einem Spiel gegen Hertha BSC erklungen ist, als ein Remis gegen deutlich überlegenen Herthaner zu kippen droht. Anderen Quellen zufolge geht der Ruf auf die Bezeichnung „Schlosserjungs“ zurück. So werden die Unioner aufgrund ihrer damaligen blauen Spielkleidung und ihrer Herkunft aus der Arbeiterschaft vor dem Jahr 1933 genannt.

Parteiferne Proleten, Hippies, Hools und sonstige „Ideologiefremde“ singen anarchische Lieder: Während der DDR-Zeit strömen parteiferne Proleten, Hippies, Hools und sonstige „Ideologiefremde“ zu Union. Der Verein ist ein Gegenentwurf zu den beiden anderen Berliner Vereinen – dem BFC Dynamo Berlin und dem zunächst den DDR-Fußball dominierenden und später nach Frankfurt/O. wegdelegierten ASK Vorwärts Berlin (seit 1966 FC Vorwärts). Union Fans singen Lieder wie: „Lieber ein Verlierer sein, als ein dummes Stasi-Schwein.“ Das ist auch im Westen der BR Deutschland bekannt. Was weniger bekannt ist? Die anarchische Mischung aus Underdog-Feeling und Renitenz gegenüber jeder Form von staatlicher Obrigkeit prägt die Unioner Fanszene noch heute. Ein klassischer Union-Choral, der in den frühen 2000-er Jahren entsteht und heute noch gerne gesungen wird, dokumentiert dieses: „Der Vater im Zuchthaus gestorben / Die Mutter liegt todkrank im Bett / Die Schwester zur Hure geworden / Was soll ich allein auf dieser Welt / Union, Union über alles / Deutschlands unsterblichstes Team / Denn Union wird niemals zerfallen / Eisern Union aus Berlin.“

Union vs. BFC Dynamo, Tennis Borussia und Hertha BSC: Die Fanszene von Union Berlin pflegt(e) innerhalb Berlins erbitterte und wohlbekannte Rivalitäten, insbesondere zum ,,Stasi-Klub“ BFC Dynamo und in den 90-er Jahren zum ,,Klassenfeind“ Tennis Borussia Berlin aus Charlottenburg. Weniger bekannt sind einzelne Details der Feindschaft und ein ganz besonderes Verhältnis zu einem dritten Klub – der Berliner Hertha. Für viele alteingesessene Union-Fans steht der Hauptfeind heute noch nach wie vor im Osten. Auch wenn sich der BFC Dynamo und Union Berlin schon lange nicht mehr auf Augenhöhe begegnen. Dynamo kickt in der Saison 2019/20 in der Regionalliga und Union in der Bundesliga. Das ist zu DDR-Zeiten ganz anders und der BFC Dynamo „schreddert“ die Köpenicker regelmäßig. Was wenige heute noch wissen. Es gibt zwischen Dynamos und Union von 1976 bis 1989 keine Heimspiele. Denn aus „Sicherheitsgründen“ finden alle Ortsderbys im Stadion der Weltjugend in der Stadtmitte auf neutralem Boden statt. Ausnahme ist das Pokal-Viertelfinale Union – BFC im Dezember 1988. Doch auch das hilft den Köpenickern wenig. Sie verlieren mit 0:2 vor 20.000 Fans in der Alten Försterei.

Nach der Wende kommt Tennis Borussia als neues Hassobjekt dazu: Die Köpenicker pflegen mit dem einst von Showmaster Hans Rosenthal und Schlagerproduzent Jack White geführten bzw. unterstützten Klub aus Charlottenburg eine unversöhnliche Feindschaft. Was wenige wissen: Für eine besondere Provokation sorgt einer der schillerndsten TeBe-Spieler überhaupt: Ansgar Brinkmann. Der ehemalige Osnabrücker wagt sich beim ersten Relegationsspiel im Mai 2000 zwischen Union und dem VfL Osnabrück ins Stadion Alte Försterei, wird angefeindet und bekommt Prügel angedroht. ,,Wat will der hier, wir sind n Arbeiterverein“, ist noch die harmloseste Bekundung gegen ,,Trinkmann.“

Hat man in der Stadt Fußballfeinde, so bedarf es auch einiger Freunde: Ziemlich unbekannt ist, dass zu Mauerzeiten die Fans von Hertha BSC und Union Berlin größere Sympathien füreinander hegen. Und drücken das als Berliner Landratten mit Wasseranschluss – die einen ganz im Westen, die anderen ganz im Osten der Stadt - wie folgt aus: „Wir halten zusammen wie der Wind und das Meer – die blau-weiße Hertha und der FC Union.“ Urban legend has it, dass der Hertha-Kult-Fan Pepe Mager sogar eigene Aufnäher näht, die die Freundschaft beider Teams während der Mauerzeit dokumentieren. Mittlerweile hat sich die Sympathie von Hertha- und Union-Fans in Antipathie verwandelt. Grund? Das Platzhirschsyndrom, die Highlander-Attitude! There can be only one! Tennis Borussia und der BFC Dynamo sind schon lange keine Gegner auf Augenhöhe mehr für Union Berlin. Eher fußballerische Opfer. Doch Hertha BSC stellt sich als der perfekte Gegenentwurf zu den „Eisernen“ dar. Extrem unterschiedlich geben sich die beiden Berliner Bundesligisten. Hertha BSC mit Lars Windhorst als Investor und dem im Februar 2020 ad hoc wieder aus Berlin geflüchteten Jürgen Klinsmann im Aufsichtsrat (und für 76 Tage auch als Trainer…) möchte unbedingt als Metropolenklub und Nummer 1 der Hauptstadtvereine des größten Landes in der Europäischen Union gesehen werden. Union stellt sich als ambitionierter Kiezklub aus dem Osten mit Herz, Wärme und Gefühl dar. Mit Erfolg: Hertha hat per November 2019 zwar mehr Mitglieder (37.000), aber nicht so viele Fans im Osten der Stadt (dafür einige mehr in Brandenburg). Union wächst deutlich schneller und hat mit mehr als 32.000 Mitgliedern nur noch ca. 15 % weniger Mitglieder als Hertha BSC. Dazu entwickelt der Verein ein Kultpotenzial ähnlich dem des FC St. Pauli – auf ganz eigene Art und nicht nur begrenzt auf den Osten der BR Deutschland. Union steht eher für eine Art neues-altes Berlin, während Hertha BSC immer wieder mit dem ganz alten West-Berlin (Sie verlassen den funktionierenden Sektor Deutschlands) assoziiert wird. Mit unsinnigen Geldausgaben, unterdurchschnittlichen Managementfähigkeiten und einer unangebrachten Hybris – eben genau das, was Jürgen Klinsmann 2019/2020 auf 22 Seiten „Tagebuch“ festgehalten hat, nachdem er bei Hertha BSC hingeworfen hat…

Union Berlin Fanblock 1976 DDR-Fußball
Fanblock von Union Berlin im Jahr 1976. Foto: Imago Images/ Werner Schulze

Was außerhalb von Berlin auch nur wenige wissen: Es gibt nicht nur ein Union Berlin, sondern zwei. Und maßgeblich beteiligt ist unter anderem die Hertha-Ikone Johannes Sobek. Der Grund ist wieder mal ideologisch. (Wir haben es schon kurz erwähnt, aber nun ausführlicher.). Im Jahr 1949 akzeptiert der Deutsche Sportausschuss (DS), der Sportdachverband der Sowjetischen Besatzungszone, die geplante Einführung des Vertragsspielerstatuts des 1949 neugegründeten West-Berliner Fußballverband für die Stadtliga nicht und zieht unter anderem Union zur Folgesaison aus der Stadtliga ab. Die Oberschöneweider spielen aus Protest und Ärger die restlichen Saisonheimspiele der laufenden Saison im Moabiter Poststadion. Das Team wird von Hertha-Ikone Johannes Sobek trainiert und kann sich als Tabellenzweiter für die Endrunde um die deutsche Meisterschaft qualifizieren. Die politische Führung im Osten verbietet jedoch die Reise nach Kiel zum Spiel gegen den HSV. Daraufhin macht fast die komplette erste Mannschaft „rüber“ in den Westen. Und tritt gegen den HSV an! Zwei Wochen später, am 9. Juni 1950, gründen sie den SC Union 06 Berlin im Stadtteil Moabit in West-Berlin. Der „Zwilling“ aus Moabit ist in den ersten Jahren nach der Gründung deutlich erfolgreicher als die Ur-Unioner in Oberschöneweide. Erst Ende der 50-er und Anfang der 60-er Jahre kann sich der Klub nicht mehr in der Spitze des Westberliner Fußballs halten und schwindet zum reinen Amateur-Verein.Apropos: Im März 1952 kommt es vor 20.000 Zuschauern im Walter-Ulbricht-Stadion zum „Bruderduell“. Die nun unter BSG Motor Oberschöneweide firmierenden „Ost-Unioner“ verlieren gegen die „West-Unioner“ mit 0:2.

Das Stadion An der Alten Försterei wurde zwischen 2021 und 2024 umfassend ausgebaut. Die Kapazität stieg auf über 22.000 Plätze, neue Tribünen wurden errichtet, die Infrastruktur modernisiert. Trotz aller Modernisierung blieb der Charme der Alten Försterei erhalten: Stehplätze auf der Waldseite, Bratwurstduft und eine Atmosphäre, die in der Bundesliga einzigartig ist.

Am 18.01.2015 spielen Union Berlin (Ost) und der SC Union Be
Am 18.01.2015 spielen Union Berlin (Ost) und der SC Union Berlin (West) im Poststadion in Berlin-Moabit ein Freundschaftsspiel. Foto: Imago Images/ Matthias Koch
Alle Kapitel: 01. Prolog 02. Good to Know 03. Für die Hater 04. Für die Lover 05. Schlüsselfiguren 06. Personae Non Gratae 07. Tragisch 08. OMG — Oh My God 09. Fun Facts 10. Special Moments 11. Weise Worte 12. Steckbrief [Annex]
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← Kap. 01: PrologKap. 03: Für die Hater →
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